Prof. Julien Wegrzyn: «Das Ziel ist, die lokalen Kompetenzen zu stärken»

Morija
  • 20. Oktober 2026
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Eine Woche lang teilte Professor Julien Wegrzyn seine Erfahrungen mit den Teams des CMC in Kaya, Burkina Faso. Für den Chirurgen des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) geht es bei diesem Einsatz um weit mehr als ums Operieren: Er möchte Wissen weitergeben, lokale Kompetenzen stärken und gleichzeitig selbst andere Behandlungsansätze kennenlernen.

Das breite Tor öffnet sich zu einer belebten Strasse in Kaya. Dahinter leuchten die roten Steinmauern des Medizinisch-Chirurgischen Zentrums (MCZ) von Morija in der bereits intensiven Morgensonne. Grosse runde Fenster, Bögen und schattige Bereiche verleihen dem Gebäude mit seiner nubischen Gewölbebauweise ein besonderes Aussehen. In den heissesten Stunden sorgen die dicken Lehmwände dafür, dass die Hitze im Inneren erträglich bleibt.

Im Zentrum beginnt der Betrieb früh: Patientinnen und Patienten, Begleitpersonen und medizinisches Personal bewegen sich durch die verschiedenen Abteilungen. Der Operationssaal hat seinen eigenen Rhythmus, bestimmt durch den täglichen Operationsplan. In diesem Gebäude, dessen moderne medizinische Ausrüstung grösstenteils aus der Schweiz geliefert wurde, haben alle eine klar definierte Aufgabe und tragen ihren Teil zum Gelingen der Eingriffe bei.

In diesem Umfeld verbrachte Prof. Julien Wegrzyn, Leiter der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie am Universitätsspital Lausanne, eine Woche im Zentrum von Kaya. Es war ein besonderer Einsatz: die erste internationale chirurgische Mission seit 2021, nachdem die Einsätze aufgrund der Pandemie und der Sicherheitslage unterbrochen worden waren.

Unterstützen statt ersetzen

Gemeinsam mit Prof. Wegrzyn behandelte Dr. Christian Nezien, orthopädischer Chirurg und Leiter des Operationssaals, mehrere Patientinnen und Patienten mit komplexen Krankheitsbildern: Fehlbildungen der Hüfte, Folgen von Unfällen oder Krankheiten sowie Kniearthrose.

«Die Mission verlief in einer sehr positiven, konstruktiven und freundschaftlichen Atmosphäre», erzählt er. Der Austausch drehte sich nicht nur um Operationstechniken, sondern auch um die Vorbereitung der Eingriffe und um die Entscheidungen, die bereits vor dem Betreten des Operationssaals getroffen werden.

Für Dr. Nezien war der Austausch insbesondere in der prothetischen Kniechirurgie wertvoll. Er konnte seine Kenntnisse in der präoperativen Planung, im Umgang mit den chirurgischen Instrumenten und bei der Implantation einer Knie-Totalprothese vertiefen. Ausserdem lernte er neue Behandlungsmöglichkeiten für komplexe Hüftprobleme kennen, insbesondere bei starken Fehlbildungen.

«Wir können nun selbstständig eine primäre Knie-Totalprothese einsetzen und bestimmte komplexe Hüftprobleme besser behandeln», erklärt er.

Hier zeigt sich die Bedeutung des Wissenstransfers. «Es geht nicht nur um technisches Lernen», betont Dr. Nezien. «Es ist ein Prozess, bei dem das erworbene Wissen in die tägliche Arbeit des Teams integriert wird.»

Hinter jedem Eingriff steht eine Lebensgeschichte

Techniken und Instrumente sind nur eine Seite der medizinischen Arbeit. Im Mittelpunkt stehen die Patientinnen und Patienten, die manchmal erst nach jahrelangem Leiden ins Zentrum kommen und zuvor kaum Zugang zu medizinischer Behandlung hatten.

Adama Sawadogo, 34 Jahre alt, kam mit Knochentuberkulose ins MCZ. Sie konnte nicht mehr gehen und glaubte nicht mehr daran, ihre Selbstständigkeit zurückzugewinnen. Nach ihrer Behandlung erzählt Adama: «Heute kann ich wieder gehen und vor allem wieder meinen gewohnten Tätigkeiten nachgehen.» Für sie bedeutet die Rückkehr zur Arbeit auch, nicht mehr vollständig von ihrer Familie abhängig zu sein.

Da ist auch die kleine Adis Faizatou, die infolge einer Verletzung bei der Geburt einen Arm nicht richtig benutzen konnte. Ihre Mutter erzählt, dass sie weinend und entmutigt über die Situation ihrer Tochter ins MCZ kam. Nach der Behandlung und Rehabilitation gewann Adis die Beweglichkeit ihres Arms nach und nach zurück. Heute kann sie Gegenstände greifen und mit ihren Brüdern spielen. In der Familie hat das Lächeln die Entmutigung abgelöst.

Adama, Adis und Hunderte weitere Patientinnen und Patienten verkörpern jedes Jahr den Grund, warum es das Zentrum von Kaya gibt: Menschen mit Behinderung dabei zu helfen, so viel Selbstständigkeit wie möglich zurückzugewinnen – ohne dass fehlende finanzielle Mittel den Zugang zur medizinischen Versorgung verhindern.

Unverzichtbare Sachspenden

Für solche Eingriffe reicht Fachkompetenz allein nicht aus. Es braucht auch geeignete Instrumente und Implantate.

Der Einsatz von Prof. Wegrzyn wurde deshalb von der Schweizer Firma Medacta und ihrer Stiftung unterstützt. Medacta ist auf die Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Medizinprodukten für die Orthopädie und Neurochirurgie spezialisiert. Das Unternehmen stellte die chirurgischen Instrumente und orthopädischen Implantate zur Verfügung, die für die Behandlung der Patientinnen und Patienten benötigt wurden.

«Einen Teil davon hatte ich in einem vollen Koffer dabei!», erzählt Prof. Wegrzyn mit einem Lächeln.

Diese philanthropische Unterstützung ergänzt die Arbeit von Morija und den Teams des Zentrums: Sie ermöglicht den lokalen Fachkräften, ihre Kompetenzen weiterzuentwickeln und gleichzeitig über die notwendigen Mittel zu verfügen, um sie in der Praxis anzuwenden.

Kompetenzen, die bleiben

Für Prof. Wegrzyn ist es genau diese Kombination, die der Zusammenarbeit eine nachhaltige Wirkung verleiht. «Die lokalen Kompetenzen sind vorhanden», stellte er nach seinem Besuch im MCZ fest. Seine Aufgabe bestand also nicht darin, etwas von Grund auf neu aufzubauen, sondern einen weiteren Baustein zu einem bereits gut etablierten Zentrum beizutragen.

Die erlernten Handgriffe, die Gespräche im Operationssaal und die weitergegebenen Kompetenzen bleiben. Und vielleicht zeigt sich genau darin der Erfolg einer solchen Mission: nicht in der Zahl der Eingriffe, die in wenigen Tagen durchgeführt werden, sondern in dem, was in den Köpfen und Händen derjenigen weiterlebt, die vor Ort weiterarbeiten.

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